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1. Textgenetische Edition des Librettos

1.1 Vorbemerkungen

Die digitale textgenetische Edition des Librettos basiert inhaltlich auf der gedruckten Textbuch-Ausgabe.1 Im Gegensatz zur historisch-kritischen Print-Edition, bei der nach wie vor die Erstellung eines kritisch revidierten Werktextes und die Dokumentation seiner Varianten im Vordergrund steht, um einerseits die Basis für weitere wissenschaftliche Arbeiten zu legen, aber andererseits auch der Musikpraxis einen maßgeblichen Text zu bieten, wurde bei der vorliegenden digitalen Text-Edition der Fokus beträchtlich erweitert und der Schwerpunkt auf textgenetische Prozesse gelegt: Verdeutlicht werden sollen Änderungsprozesse sowohl innerhalb eines einzelnen Manuskripts ("Textschichten") als auch den einzelnen Überlieferungsträger übergreifende Textbildungsprozesse ("Textstufen") bis hin zu Veränderungen, die sich im Laufe der Rezeption des gedruckt publizierten und damit den Text zunächst verbindlich festlegenden Librettos beobachten lassen.
Für das Konzept der textgenetischen Edition innerhalb von Freischütz Digital heißt das konkret, dass nicht mehr eine Hauptquelle die Basis der Edition und den Bezugspunkt der Dokumentation von "Abweichungen" der übrigen Quellen bildet, sondern alle für die Edition herangezogenen Textquellen (quasi gleichwertig) nebeneinander stehen, digital und in Übertragung abgebildet und nach ihren je eigenen Erfordernissen aufbereitet werden. Das vordergründige Interesse richtet sich dabei darauf, neben der genauen Beschreibung und chronologischen Einordnung der Materialien, die verschiedenen Textstadien einer Quelle mit Hilfe des digitalen Mediums zu erschließen und abzubilden sowie eine Verknüpfung der einzelnen Quellen herzustellen mit dem Ziel, diese in den übergreifenden Textgenese-Prozess einzuordnen bzw. bestehende Verbindungen zwischen den Textstufen der verschiedenartigen Quellen aufzuzeigen. Eine vollständige Visualisierung des Genese-Prozesses erfordert allerdings technische Maßnahmen, für die im vorliegenden Projekt ausreichende Ressourcen fehlten, so dass lediglich exemplarische Umsetzungen möglich waren. Mit der Art der Auszeichnung der Texte ist aber die Grundlage für weitere Visualisierungsformen der dokumentierten Zusammenhänge gelegt.

1.2 Auswahl der Textquellen

Friedrich Kinds Freischütz-Libretto ist durch eine Vielzahl von handschriftlichen und gedruckten Textquellen überliefert. Für die digitale Edition werden alle authentischen bzw. von Kind und Weber autorisierten Textbücher berücksichtigt. Die Zusammenstellung dieser Quellen verdeutlicht, dass sich die Textgrundlage von Webers Komposition über einen langen Zeitraum von der ersten Idee (1817) bis zur Uraufführung am 18. Juni 1821 massgeblich wandelte und Carl Maria von Weber selbst an diesem Prozess entscheidend beteiligt war. Darüber hinaus zeigen die verschiedenen Druckausgaben, die der Librettist eigenmächtig zwischen 1822 und 1843 anfertigen ließ, weitere aufschlussreiche Text-Versionen bzw. -varianten. Diese wurden jedoch teilweise von Weber, indem er die gedruckten Textbücher an die Theater versandte, akzeptiert und somit sanktioniert und erlangten dadurch aufführungspraktische Relevanz. Der eigentliche Text der Uraufführung lässt sich dagegen nicht mehr vollständig rekonstruieren, da er nur in Form des Erstdruckes der Arien und Gesänge überliefert ist.2

Überblick (Primärquellen)

Dateiname Titel Datierung der Niederschrift Quellenart Sigle xml:id
Kinds Manuskript Die Jägersbraut Mai 1817 Autograph des Librettisten L-tx2 (D–B) L-tx2
Handexemplar Der Freyschütze Juni 1817 Textbuch-Kopie mit autographen Eintragungen KA-tx4 (D–B) KA-tx4
Kopie für Berlin Die Braut des Jägers / Der Freyschütz August 1819 Textbuch-Kopie K-tx6 (D–B) K-tx6
Kopie für Gotha Die Braut des Jägers Oktober 1819? Textbuch-Kopie K-tx7 (D–GOl) K-tx7
Kopie für Wien [Der Freischütz] August 1821 Textbuch-Kopie mit autographen Eintragungen KA-tx15 (D–Wn) KA-tx15
Kopie für Hamburg Der Freyschütz Oktober 1821 Textbuch-Kopie mit autographen Eintragungen KA-tx21 (D–Hs) KA-tx21
Vorabdruck des nicht vertonten Duetts Eremit/Agathe Die geweiheten Rosen Herbst 1819 Vorabdruck VD1 VD1
Vorabdruck des Volksliedes Nr. 14 Volkslied aus der Oper: Der Freischütz September 1820 Vorabdruck VD2 VD2
Erstdruck der Arien und Gesänge 1821 Arien und Gesänge der romantischen Oper: Der Freischütz Juni 1821 Erstdruck ED-tx ED-tx
1. Auflage des Textbuches Der Freischütz Ende 1821/Anfang 1822 Textbuchdruck D-tx1 D-tx1
2. Auflage des Textbuches Der Freischütz Frühjahr 1822 Textbuchdruck D-tx2 D-tx2
3. Auflage des Textbuches Der Freischütz Sommer 1823 Textbuchdruck D-tx3 D-tx3
Ausgabe in den Theaterschriften Der Freischütz Sommer 1827 postumer Textbuchdruck D+-tx2 Dp-tx2
Ausgabe letzter Hand Der Freischütz Frühjahr 1843 postumer Textbuchdruck D+-tx3 Dp-tx3

Neben den als authentisch oder autorisiert eingestuften Primärquellen wird die vorliegende Edition durch einige Libretto-Quellen ergänzt, die rezeptionsgeschichtlich interessant sind, wie z. B. das im Material zu den Detmolder Aufführungen seit 1825 enthaltene Textbuch (K-tx29) und ein unter dem Namen von Friedrich Kind herausgegebenes gedrucktes Textbuch von 1827 (D+-tx1) sowie zwei weitere handschriftliche Textbücher zur Erstaufführung in Wien 1821 (K-tx15a und K-tx15b; diese beiden liegen nicht als Digitalisate, sondern nur in der TEI-Codierung vor).

1.3 Codierung und Visualisierung der Quellen

Alle Manuskripte und Textdrucke sind diplomatisch getreu transkribiert und nach den Standards der TEI (Text Encoding Initiative; www.tei-c.org/) ausgezeichnet. Jede Quelle wird durch eine separate XML-Datei repräsentiert. In den einzelnen Codierungen werden nicht nur materielle oder formale Aspekte (z.B. Aufbau und Schriftbild der Quelle, Schreibgeräte, Schriftart, Hoch- und Tiefstellungen, Unterstreichungen, Zeilenfall etc.) erfasst, sondern auch inhaltliche Merkmale berücksichtigt, die die Art des jeweiligen Textabschnitts definieren (Dialogtext, Verszeile, Szenenanweisung, Personennamen etc.). Auch der unterschiedliche Status der Quellen (Arbeitsmanuskript, Reinschrift, Kopie etc.) schlägt sich in den Codierungen nieder.
Jede Quelle wird nach den diesbezüglichen Erfordernissen in der ihr adäquaten Tiefe ausgezeichnet, d.h. es werden auch spezifische Strukturen und Schreib- bzw. Textschichten mit Hilfe entsprechender TEI-Elemente erfasst (z.B. die Eingriffe von bekannter und unbekannter Hand als Substitutionen).3 Während die überlieferten gedruckten Textbücher (Erstdruck der Gesänge zur UA und die Ausgaben von Friedrich Kind) jeweils nur eine genau datierbare Textstufe reproduzieren, vereinen die handschriftlichen Quellen überwiegend unterschiedliche Textstufen, die in einigen Fällen mehreren Autoren (Schreibern) zuzuschreiben sind bzw. aus weit auseinanderliegenden zeitlichen Abschnitten stammen.

Die diplomatisch getreue Codierung der Quellen wird mit Hilfe der Benutzeroberfläche Edirom in eine Lesefassung transferiert, die es ermöglicht, die Texte nicht nur inhaltlich zu erschließen, sondern auch die Interpretation der Textgenese durch den Editor schrittweise zu verfolgen. Edirom visualisiert dabei die in der Codierung rekonstruierten bzw. definierten einzelnen Textschichten innerhalb eines Manuskripts, indem z.B. verschiedene Stadien der Textbildung ein- und ausgeblendet oder synoptisch in der Gegenüberstellung mit anderen Quellen angezeigt werden können, wodurch wiederum Unterschiede bzw. Abhängigkeiten zwischen den Quellen erkennbar werden. (Wie angemerkt, handelt es sich dabei um mit begrenztem technischen Aufwand verwirklichte erste Visualisierungen zur Demonstration der Möglichkeiten; auf der Basis der Codierungen wären jederzeit komfortablere Darstellungsformen umsetzbar.)

Von dem Edirom-Quellenfenster aus sind verschiedene Ansichten der Texte möglich:

  1. Metadaten (inklusive Quellenbeschreibung)
  2. Text als Fließtext
  3. Seitenbasiertes Faksimile
  4. Seitenbasierte Gegenüberstellung Text – Faksimile
  5. XML-Ansicht
  6. Synopse mit anderen Quellen (mit Varianz-Anzeige)

2. Editionskonzept der textgenetischen Edition

Die textgenetische Edition konzentriert sich auf die Darstellung der Textgenese-Prozesse innerhalb der Einzelquelle (hier als "Textschichten" bezeichnet) und im direkten Quellenvergleich (als "Varianzen" bzw. als Abfolge von "Textstufen"). Dabei soll die tatsächliche Textentwicklung als transparenter Vorgang mit unterschiedlichen, teils nur fragmentarisch dokumentierten Stufen nachvollziehbar werden.
In der Textübertragung wird die Textentwicklung innerhalb der Einzelquelle durch das Konzept der Textschichten nachvollziehbar gemacht. Über das Menü sind alle separierbaren Textschichten der identifizierten Schreiber sowohl einzeln als auch in der synoptischen Gegenüberstellung anwählbar. Der Quellenvergleich dagegen kann auf zwei verschiedene Arten erfolgen, zum einen in der Synopse von zwei (auswählbaren) Quellen, zum anderen mit Hilfe der Varianzanzeige innerhalb der Textübertragungen. Die Varianzanzeige ermöglicht den auf eine konkrete Einzelstelle bezogenen Überblick aller (sinntragenden) Varianzen der edierten Quellen.
Die Konzeption dieser Edition verdankt wesentliche Anregungen den wegweisenden Arbeiten zur genetischen Textedition,4, die Begriffe "Textschicht", "Varianz" und "Textstufe" wurden hier aber in einer projektspezifischen Form verwendet.

2.1 Textschichten-Anzeige innerhalb der Einzelquelle

Die Konzeption zur Textschichten-Anzeige innerhalb Freischütz Digital wurde u.a. Entwicklungen aus dem Bereich der Softwareentwicklung beeinflusst, da dort häufig der Unterschied zwischen zwei Dateien mittels eines Diff-Tools (Difference Tool) festgestellt wird – eine Anzeigeform, die in abgewandelter Form auf den hier vorliegenen Gegenstand übertragen wurde. Die Darstellung der Textschichten ist dabei nur für die handschriftlichen Quellen relevant. Die Drucke geben jeweils nur eine Textfassung wieder, die in der Edition dementsprechend abgebildet ist.
Bei den Handschriften sind zwei Möglichkeiten der Textschichten-Anzeige möglich:

Wiedergabe der Quelle in separaten Textschichten

Die Textschichten sind einzeln anwählbar über das Menü: Textschichten. Dabei hängt die Anzahl der angezeigten Textschichten hier in der Regel mit der Anzahl der verschiedenen, eindeutig voneinander differenzierbaren Schreiber zusammen, entspricht also im Wesentlichen einer simplifizierenden Zusammenfassung der das Manuskript kennzeichnenden Schreibschichten, während eine Binnendifferenzierung (etwa nach einzelnen Schreibakten eines Kopisten) nicht vorgenommen wurde. Konnten Schreiber nicht eindeutig identifiziert werden, sind diese unter dem Sammelbegriff "anonym" rubriziert. Die Identifizierung der Textschichten erfolgt unter Berücksichtigung der jeweils implizierten chronologischen Reihenfolge der Einträge, wobei der Begriff der Textschichten additiv aufgefasst wird, d.h. eine neue Textschicht setzt sich zusammen aus den weiterhin gültigen vorherigen und den (durch Tilgung, Ersetzung oder Hinzufügung) jeweils neu geschaffenen Textbestandteilen, entspricht also dem zum gewählten Zeitpunkt insgesamt gültigen Text. Die einzeln anwählbaren Textschichten zeigen die jeweils ausgewählte Textfassung als "clear-text" an, d.h. als diplomatische Fließtext-Übertragung ohne Kennzeichnung von Eingriffen gegenüber der vorausgehenden Textfassung.

Wiedergabe der Quelle mit allen Eingriffen innerhalb der "fiktiven" Endschicht

Die Wiedergabe des Textes mit Verdeutlichung aller Eingriffe ist im Demonstrator über das Menü „Genese des Textes mit allen Zwischenständen“ anwählbar. Dabei werden dort, wo sich Eingriffe finden, alle inhaltlich differenzierbaren Textschichten untereinander abgebildet, d.h. dort, wo sich an einer betroffenen Stelle gegenüber der chronologisch vorhergehenden inhaltlich nichts verändert hat, wird diese auch nicht als neue Schicht angezeigt. Jeder interpretierbare Korrekturvorgang erhält in der Anzeige einen eigenen Rahmen, so dass verschiedene Korrekturen in einem Textabschnitt voneinander abgrenzbar werden.
Die synoptische Anzeige der Textschichten erfolgt mit Hilfe verschiedener (entweder vorgegebener oder vom Benutzer frei wählbarer) Farben, indem die betreffende Textstelle zeilenweise farbig markiert wird. Dabei werden zusätzliche Informationen zum Korrekturvorgang gegeben:

  • 1. Angaben zum jeweiligen Schreiber (Schreiber-Sigle)
  • 2. Klassifizierung der Art des Vorgangs (+ für Ergänzung, - für Streichung, -/+ für Ersetzung)
  • 3. Verbale Erläuterungen zum Korrekturvorgang (Form und Platzierung des Eingriffes)

Zur Anwendung der verschiedenen Möglichkeiten der textgenetischen Edition s. Werkzeuge (Demonstratoren).

2.2 Darstellung der Textgenese (Varianz zwischen den Quellen, Abfolge der Textstufen)

Neben der Textschichten-Anzeige bei den Einzelquellen liegt ein wesentlicher Schwerpunkt der textgenetischen Edition darin, Zusammenhänge bzw. Unterschiede zwischen den Primärquellen zum Libretto zu verdeutlichen und dabei den Prozess der Textbildung und -umformung zu illustrieren. Da es hier keine Lesarten gegenüber einem erstellten Edierten Text gibt, sondern alle Quellen als Zeugen des kontinuierlichen Veränderungsprozesses gleichwertig sind, müssen die beobachteten Varianzen herangezogen werden, um diesen Prozess greifbar zu machen.

Varianz-Begriff

In der vorliegenden Edition wurden ausschließlich sinntragende Varianzen berücksichtigt, d. h. substanzielle Abweichungen zwischen den Quellen. Abweichungen in Interpunktion und Orthographie wurden vernachlässigt, da jede Einzelquelle vollständig sowohl in Codierung als auch Übertragung vorliegt.
Zusätzlich wurde die Erfassung von „Varianzen“ auf jene Eingriffe beschränkt, die auf einen der beiden Autoren des Werkes (Friedrich Kind als Librettisten und Carl Maria von Weber als an der Textbildung wesentlich beteiligter Komponist) zurückgehen, bzw. von ihnen autorisiert wurden. Anonyme Korrekturen, die nicht zugeordnet werden konnten, sowie Korrekturen die im Zusammenhang mit den lokalen Aufführungsfassungen stehen (z. B. innerhalb der Kopien für Wien und Hamburg), werden bei der Varianz-Anzeige dagegen vernachlässigt. Diese Unterschiede können jedoch in der Textschichten-Anzeige der entsprechenden Quellen in einzelnen Schritten nachvollzogen werden.

Codierung der Varianzen

Die Unterschiede (Varianzen) sind nicht in den Codierungen der Einzelquellen erfasst, sondern wurden innerhalb einer externen, sogenannten Core-Datei, die wiederum nach Szenen gegliedert ist, als stand-off-Markup zentral gesammelt. Mit Hilfe eines speziell für diese Erfassung entwickelten Werkzeugs, dem Core-Builder (entwickelt von Raffaele Viglianti, Washington), konnten die für die Edition notwendigen Bezüge zwischen einzelnen Abschnitten, Versen oder Wörtern bzw. Wortgruppen hergestellt werden.
Alle Varianten sind in der Core-Datei in Form von einzelnen Apparat-Einträgen verzeichnet und scheinen damit einem traditionellen Varianten- bzw. Lesartenverzeichnis verwandt. Allerdings gibt es grundlegende Unterschiede in der Umsetzung dieses Verfahrens: Zunächst werden in den jeweiligen Quellencodierungen die betroffenen Abschnitte, Zeilen oder Wörter definiert und durch individuelle Identifikationsnummern (ID’s) gekennzeichnet. Von der Core-Datei aus wird dann auf diese (automatisiert vergebenen) XML-Identifikatoren referenziert.
Die Apparat-Einträge referenzieren dann auf diese ID’s, d.h. sie enthalten die Quellenverweise in Form entsprechender <rdg/> ("reading")-Elemente mit dem Attribut @wit ("Zeuge"), in dem zunächst die ID der XML-Datei der Quelle angegeben ist. Dabei können mehrere <rdg/> ("readings") zu Gruppen <rdggrp/> ("reading-group") zusammengefasst werden. Die einzelnen <rdg/>-Elemente verweisen dann durch das Element <ptr/> ("pointer") und das Attribut @target auf die ID der entsprechenden Einzelstelle der Einzelquellendatei. Hat eine Varianz in einer einzelnen oder mehreren Quellen keine Entsprechung, fehlt im Element <rdg/> die Angabe des <ptr/>.
Die Apparat-Einträge werden zusätzlich kategorisiert nach Art der Varianz (Weglassung, Ergänzung, Ersetzung, Umstellung, Schreibung). Dabei können auch Kombinationen von Kategorien auftreten.

Bsp. für einen Apparat-Eintrag in der Core-Datei (mit zwei reading-groups):

<app type="Ersetzung">
    <rdggrp n="1">
        <rdg wit="#freidi-librettoSource_KA-tx4_xml_id_d1e9293">
            <ptr target="#d1e9409"/>
        </rdg>
        <rdg wit="#freidi-librettoSource_L-tx2_xml_id_d1e10504">
            <ptr target="#d1e10654"/>
        </rdg>
        <rdg wit="#freidi-librettoSource_K-tx6_xml_id_d1e9223">
            <ptr target="#d1e9337"/>
        </rdg>
        <rdg wit="#freidi-librettoSource_K-tx7_xml_id_d1e8345">
            <ptr target="#d1e8452"/>
        </rdg>
        <rdg wit="#freidi-librettoSource_KA-tx15_xml_id_d1e10326">
            <ptr target="#d1e10459"/>
        </rdg>
        <rdg wit="#freidi-librettoSource_KA-tx21_xml_id_d1e10144">
            <ptr target="#d1e10285"/>
        </rdg>
    </rdggrp>
    <rdggrp n="2">
        <rdg wit="#freidi-librettoSource_D-tx1_xml_id_d1e8196">
            <ptr target="#d1e8297"/>
        </rdg>
        <rdg wit="#freidi-librettoSource_D-tx2_xml_id_d1e8185">
            <ptr target="#d1e8291"/>
        </rdg>
        <rdg wit="#freidi-librettoSource_D-tx3_xml_id_d1e8130">
            <ptr target="#d1e8236"/>
        </rdg>
        <rdg wit="#freidi-librettoSource_Dp-tx2_xml_id_d1e8085">
            <ptr target="#d1e8190"/>
        </rdg>
        <rdg wit="#freidi-librettoSource_Dp-tx3_xml_id_d1e8488">
            <ptr target="#d1e8588"/>
        </rdg>
    </rdggrp>
</app>

2.3 Möglichkeiten der Varianz-Anzeige

Varianz-Anzeige in Bezug auf die Textübertragung einer Einzelquelle

Diese Varianz-Anzeige kann von jedem beliebigen Quellenfenster aus vorgenommen werden (allerdings nur in der Ansicht: "Text") und zeigt die mit Hilfe der Core-Dateien definierten Abweichungen der entsprechenden Quelle gegenüber allen weiteren Primärquellen zum Libretto.
Bei den komplexeren handschriftlichen Quellen mit mehreren Textschichten ist zu beachten, dass für die Auswahl der Varianz in den Core-Dateien nur die jeweils chronologisch letzte Textschicht (also die mit dieser Schicht erreichte Textfassung) zugrunde gelegt wurde, die als authentisch bzw. als von den beiden Werkautoren Kind und Weber autorisiert angesehen werden kann [vgl. dazu unter Varianz-Begriff].

Diese Art der Festlegung der Textschicht als Basis der Anzeige betrifft folgende Quellen (in dieser Version wird der Text in der Textübertragung angezeigt):

  • L-tx2 Kind Autograph (zweite Textschicht, einschließlich aller Korrekturen von Kind)
  • KA-tx4 Handexemplar (die Textfassung inklusive der Eingriffe Weber und der Einträge von Kopist 2, jedoch ohne die späteren Eintragungen von Jähns)
  • K-tx6 Kopie Berlin (Textfassung einschließlich der Korrekturen des Berliner Kopisten)
  • KA-tx15 Kopie Wien (Textfassung einschließlich der Korrekturen Webers, jedoch ohne weitere Korrekturen)
  • KA-tx21 Kopie Hamburg (Textfassung einschließlich der Korrekturen Webers, jedoch ohne weitere Korrekturen)

Über das Menü lassen sich die Varianzmarker ein- und ausblenden, und können wiederum einzeln angesteuert werden. Bei deren Anwahl öffnet sich ein Textfenster mit einer Übersicht der für die entsprechende Textstelle in der Core-Datei erfassten, sinntragenden Varianten. Hinter den tabellarisch aufgeführten Quellen-Siglen wird der jeweilige Text der anderen Quellen in entsprechender Textübertragung angezeigt; gleiche Lesarten werden dabei in einer Gruppe zusammengefasst und untereinander aufgeführt. Für die Gruppen-Sortierung wurde auch die Entwicklung der Textstelle in der jeweiligen Einzelquelle mit berücksichtigt.
Bei Bedarf kann aus dem Textfenster zu den anderen, augenblicklich nicht geöffneten Quellen weiter navigiert werden, um so die Stelle im Kontext zu betrachten. Die in der Core-Datei verzeichneten Apparat-Einträge lassen sich auch in der XML-Ansicht anzeigen. Wenn kein Einzelstellenverweis möglich ist, weil Textpassagen in einzelnen Quellen nicht vorhanden sind, erfolgt ein Verweis auf die Gesamtdatei der Quelle.

Varianz-Anzeige bei der Synopse zweier beliebig auswählbarer Quellen

Die mittels Core-Datei erfassten Varianzen können auch in der Gegenüberstellung von zwei beliebig ausgewählten Primärquellen in der Textübertragung angezeigt werden. Dies ist über den Punkt "Ansicht" im Menü und: „Synopse von zwei Texten“ zu erreichen. In der linken Spalte erscheint der Text der geöffneten Quelle in Textübertragung, in die rechte Spalte kann die Textübertragung einer beliebigen anderen Textquelle geladen werden. Auch hier gilt die Einschränkung auf nur eine (authentische bzw. autorisierte) Textschicht. Nach der erfolgten Auswahl können über das Menü die Abweichungen zwischen den beiden ausgewählten Texten ein- oder ausgeblendet werden. Diese werden durch verschiedene Symbole (zu den verschiedenen Icons vgl. Symbole der Varianz und Kommentare) im Text angezeigt und ansteuerbar.

Editorische Kommentare, die sich nur auf eine Quelle beziehen, werden als <note type=“commentary“/> in der entsprechenden Codierung der Einzelquelle eingefügt. Mehrere Quellen betreffende Annotationen sind (ähnlich wie bei den Varianzen) in einer übergeordneten XML-Datei gesammelt. Diese sind szenenweise sortiert und inhaltlich kategorisiert. Es gibt allgemeine Kommentare, Kommentare zur Textkonstitution, Kommentare mit Wortdefinitionen und Kommentare mit Verweisen auf Tagebücher und Schriften Webers [s. Codierungsrichtlinien].
Alle <note/>-Elemente verweisen innerhalb des <note/>- Attributs @target auf die zugehörigen Quellen. Die Verlinkung basiert auf der Angabe der Quellensigle in Verbindung mit der xml:id der jeweiligen Platzierung in den Einzelquellen.
In der Edirom-Oberfläche werden die Kommentare, die ein- und ausgeblendet werden können, durch verschiedene Symbole (Icons) angezeigt [s. Symbole für Varianz und Kommentare]. Bei Anwahl der Sympbole blendet sich der Kommentar über einen Tooltip ein.
Verweise zu Inhalten der Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe (http://www.weber-gesamtausgabe.de) (z.B. zum Tagebuch) werden ebenfalls in der gesonderten Kommentardatei aufgenommen, wobei jeder Verweis mit einem <ref/>-Element versehen ist, in welchem im Attribut @target die URL-Adresse des entsprechenden Objekts (z.B. einer Tagebuch-Seite, Bsp.: http://weber-gesamtausgabe.de/A060183) angegeben ist.

2.5 Symbole für Varianz und Kommentare

  • Icon code-fork gedreht = Anzeige für Varianzen (Inhalt der szenenweisen Core-Dateien)
  • Icon comments-o = quellenübergreifende (mehrere Quellen betreffende) Kommentare
  • Icon comment-o = Kommentar Einzelquelle
  • Buch = Hinweise zu Kompositionsdaten aus Webers Tagebuch
  • Note = Textvarianz zu Webers Partiturautograph
  • Stern = Text aus den Fußnoten (nur in den Drucken vorkommend)

3. Codierungsrichtlinien

3.1 Vorbemerkungen

Die Editionsrichtlinien der Libretto-Gruppe des Projektes Freischütz Digital orientieren sich an den Editionsrichtlinien der Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe – Digitale Edition (s. http://www.weber-gesamtausgabe.de/de/Editionsrichtlinien) sowie an den Guidelines der Text-Encoding-Initiative (TEI) in der Version P5 (s. TEI-Guidelines). Die Codierungsrichtlinien beziehen sich sowohl auf die Primärquellen zum Libretto als auch auf die Referenzquellen der Edition. Speziell auf die Referenzquellen bezogene Sachverhalte werden entsprechend erläutert. Zu beachten ist, dass die umfassendste Information sich stets im codierten Text selbst findet, d.h. das Rendering der codierten Texte in „menschenlesbarer“ Form (d.h. die HTML-Darstellung) in der Regel die Informationen nur in reduzierter oder „aufbereiteter“ Form enthält, d.h. in gefilterter und neu geordneter Gestalt.

3.2 Grundsätze der Textübertragung und -darstellung

Strukturierung

Alle XML-Dokumente bestehen aus zwei Bereichen: den Metadaten (Informationen zur Datei und ihren Inhalten) sowie dem eigentlichen Textkorpus. Der Textkorpus wiederum (= <text/>) ist unterteilt in einen Bereich der dem Libretto vorgelagerten Informationen wie Vorsatzblätter, Titelblätter und Personenverzeichnis (= <front/>) sowie den „reinen“ Librettotext (= <body/>). Die Textauszeichnung erfolgt TEI-spezifisch nach formalen und inhaltlichen Aspekten. Mithilfe der TEI-spezifischen Auszeichnung wird versucht, die Struktur der einzelnen Quellen ihrem äußeren Erscheinungsbild gemäß festzuhalten. Angestrebt ist die diplomatische Übernahme der Vorlagen (unter Einschluss der originalen Orthographie und Zeichensetzung). Erfasst wird die Grobstruktur der Texte (<body/>) mittels Akt- und Szeneneinteilungen (= <div/> type=“act“ und <div/> type=“scene“). Die Feinstruktur wird durch die Markierung der Dramatis personae (<speaker/>), der Paragraphen (<p/>) als Kennzeichen von Dialogtexten, und der Verszeilen (<l/> bzw. <lg/>) und Bühnenanweisungen (<stage/>) vorgenommen. Die Platzierung der Textabschnitte wird durch Attribute (@rend="left", "center" bzw. "right", @rend="indent" usw.) [Anm.: Das vorgesetzte @ ist ein Kennzeichen für Attribute.] gekennzeichnet. Die v. a. in den handschriftlichen Primärquellen zum Libretto mitunter inkonsequent durchgeführten Einzüge von Dialog- oder Verszeilen werden in der Textübertragung vereinheitlicht dargestellt bzw. teilweise vernachlässigt. Seitenumbrüche werden durch das Element <pb/> mit Angabe der Seitenzahl bzw. Blattzählung (Zählattribut @n="1v" usw.) vermerkt (Paginierung und Foliierung entsprechend der Quelle). Der originale Zeilenfall wird durch das Element <lb/> am Zeilenanfang erfasst (der meist vorherrschende Blocksatz wird in der Textübertragung dagegen vernachlässigt).

Metadaten

Die Strukturierung der Metadaten erfolgt im <teiHeader/>. Der <teiHeader/> ist untergliedert in die drei Bereiche: <fileDesc/>, <profileDesc/> und <revisionDesc/>. Die <fileDesc/> ist eine inhaltliche Beschreibung des vorliegenden Datensatzes (Titelei, Zugänglichkeit, Quellenbeschreibung – <sourceDesc/> usw.). In der <profileDesc/> folgen Angaben zum (historischen) „Profil“ des Textes (Entstehung, Datierung, Textsorte, Sprache usw.). Die <revisionDesc/> beinhaltet Angaben zu Überarbeitung des vorliegenden Datensatzes (Dokumentation der Änderungen).

Rahmenangaben (Deklaration der Datei)

Die erste Zeile eines xml-Dokuments enthält Angaben zur XML-Version und zur verwendeten Zeichencodierung, die zweite Zeile den Verweis auf das der Datei zugrunde liegende Schema. Schließlich identifiziert die dritte Zeile den Text als TEI-Dokument (mit Angabe des entsprechenden Namensraumes) und vergibt eine eindeutige Identifikationsnummer (xml:id) für dieses Dokument.

Wiedergabe der handschriftlichen Texte

Faulenzerstriche (auch Geminationsstriche / Verdoppelungsstriche) werden stillschweigend in doppelte Buchstaben aufgelöst (im Fall von nachträglich ergänzten Faulenzerstrichen wird der zweite der Konsonanten als <add> definiert). Trennungs- bzw. Bindestriche beim Zeilenwechsel werden nicht übernommen (der vorhandene Trennungsstrich wird nur innerhalb des <lb>-Elements durch <lb @break=“no“ @rend=“-“> definiert). Hoch- oder Tiefstellung von Textteilen, Unterstreichung usw. wird in der Codierung jeweils explizit kenntlich gemacht (<hi rend=“superscript“/>, <hi rend=“subscript“/>, <hi rend=“underline“ n=“1“/> usw.). Groß- und Kleinschreibung wird getreu der Vorlage wiedergegeben (auch bei Verwendung von Großbuchstaben innerhalb zusammengeschriebener Worte). Schreibversehen oder Druckfehler werden in der Regel entsprechend der Quelle übernommen und durch das Element <sic/> markiert. Korrigiert der Herausgeber wird dies mit dem <sic/>-Element kombiniert (Kennzeichnung der originalen Schreibung mittels <sic/>-Element, Korrektur durch <corr/>; beides in ein <choice/>-Element eingeschlossen). Lateinisch geschriebene Textteile innerhalb eines in Kurrentschrift geschriebenen Textes werden mit Hilfe des Elements <hi/> (highlighted) und dem Attribut @rend="latintype" gekennzeichnet (Darstellung im angezeigten Text erfolgt in der Regel durch kursive im Unterschied zu gerader Schrifttype). Verwendete Klammerungszeichen „/:“ bzw. „:/“ wurden unverändert übernommen. Satzzeichen werden original übernommen; in besonderen Ausnahmefällen kann ein vom Hg. ergänztes Zeichen in der Form <supplied>,</supplied> eingefügt werden. Herausgeber-Eingriffe erfolgten sparsam (mittels <supplied/>).

Bei Zeilen oder Zeileneinheiten innerhalb von Absätzen (<p/>), die von zwei oder mehreren Personen in den Quellen geteilt werden (in der Regel als Kennzeichen von simultanem Sprechen), wird deren Zusammengehörigkeit durch <seg part="I"> <seg part="M"> und <seg part="F"> gekennzeichnet.

Übertragung der gedruckten Texte

Bei den gedruckten Texten erfolgte die Wiedergabe von verschiedenen Schriftarten durch die Kennzeichnung als <hi rend=“antiqua“>, <hi rend=“bold“>, <hi rend=“spaced_out> usw.). Originale Fußnoten/Anmerkungen werden durch die kombinierten Elemente <ref/> (referencing string) und <footnote/> wiedergegeben.

Umgang mit Texteingriffen (Spuren der Textgenese)

Streichungen von Worten oder Absätzen werden durch das Element <del/> (deleted) gekennzeichnet, die Form der Streichung wird durch das Attribut @rend (rendition) angegeben (@rend="strikethrough") bzw. durch das Attribut @hand für den jeweils identifizierten Schreiber näher spezifiziert. Nachträgliche Einfügungen werden mit dem Element <add/> (addition) vermerkt (der Ort der Einfügung wird mit Hilfe des Attributs @rend bezeichnet: "inline", "margin", "above" (the line), "below" (the line), "top" bzw. "bottom" und ebenfalls der Angabe des Schreibers. Größere Abschnitte von Streichungen werden mit dem Element <delSpan/>, strukturübergreifende Ergänzungen mit Hilfe von <addSpan/> gekennzeichnet und dann ebenfalls mit den nötigen Attributen versehen. Das Ende der einzelnen Streichungen bzw. Ergänzungen markiert in diesem Fall das Element <anchor/>. Korrekturen des Autors bzw. eines Schreibers werden als Substitutionsprozess innerhalb des Elements <subst/> dargestellt (in der Regel aus zwei Teilen: dem Löschungsvorgang (durch Streichen, Überschreiben o.ä.) und der Ergänzung des neuen Textes (durch Einfügen, Überschreiben o.a.), also eine Kombination von <del/> und <add/>. Überschreibungen werden ebenso als Substitutionsvorgang gekennzeichnet, bei dem das Löschen durch "Überschreiben" geschieht und die Ergänzung "inline" erfolgt. Unleserliches wird mit Herausgeberzusätzen (Bsp.: <damage agent="water"><unclear>...</unclear></damage>) oder komplett Unleserliches mittels <gap/> wiedergegeben.

zusätzlich in den Referenzquellen:

Sind die verschiedenen Eingriffe (Streichungen und Ergänzungen) in verschiedenen Schreibfarben vorgenommen und der jeweilige Schreiber ist unbekannt, werden die verschiedenen Schreibfarben in der Kodierung gekennzeichnet als @type="ink" für Eingriffe mit Tinte, @type="pencil" für Eingriffe mit Bleistift und @type="redpencil" für Eingriffe mit Rötel.

Auszeichnung von Textinhalten

Die Auszeichnung der Rollennamen erfolgt direkt mittels <name/> und <rs type=“name“/> oder mit Hilfe des allgemeineren Verweis-Elements <rs/> ("referencing string"), wobei im Attribut die Art des Ziels näher bezeichnet wird: <rs type="person"/>.

Kommentationsformen

Editorische Kommentare werden durch das Element <note/> erfasst, das durch das Attribut @type näher spezifiziert werden kann: Mögliche <note/> Attribute sind: @commentary: betrifft Erläuterungen von Sachverhalten, die ohne Erläuterung nicht unmittelbar verständlich sind, @textConst: Textkonstitution; bezieht sich auf Bemerkungen zu formalen Besonderheiten der Quelle sowie @definition: umfasst reine Worterklärungen oder Begriffserläuterungen.

Verschlagwortung in den Topic Maps

Um das Beziehungsgeflecht von Motiven, Begriffen und Namen zu gewährleisten, ist eine Auszeichnung der jeweiligen Schlagworte in den Texten notwendig. Die Verschlagwortung der Texte erfolgt in den XML-Kodierungen mit <name/> für Namen und mit <rs/> für Begriffe, die jeweils mit einem @key-Attribut und mit einer Identifikation versehen sind, die wiederum auf eine externe, separat von allen Texten geführte Topic Map verweist.

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4. Ausgewählte Forschungsergebnisse im Rahmen der Projektarbeit

4.1 Abhängigkeiten der Kopien Berlin und Gotha sowie der Kindschen Druckausgaben von einem verschollenen Manuskript des Textbuches

Aufgrund der weitgehenden Übereinstimmung von K-tx6 und K-tx7, vor allem den identischen Abweichungen gegenüber KA-tx4 wurde bereits in der Textbuch-Edition von Schreiter (S. 190) die Vermutung aufgestellt, dass nicht das Webersche Handexemplar, sondern eine andere, nicht mehr erhaltene Quelle als Vorlage für die Textbuch-Kopien Berlin und Gotha diente. Dabei könnte es sich um die Abschrift für Friedrich Kind [vgl. Quellenüberblick K-tx5] handeln, die Weber laut Tagebuch vom 21. Juni 1817 anfertigen ließ. Dass die beiden Kopien K-tx6 und K-tx7 in unmittelbarem Zusammenhang mit dem verschollenem Manuskript [K-tx5] stehen, wird durch zahlreiche Übereinstimmungen der beiden Textbücher mit Kinds späteren Druckausgaben (D-tx1–3 sowie D+-tx2 u. 3) nahegelegt (vgl. Tab. 1). Denn es kann davon ausgegangen werden, dass diese wiederum vermutlich auf dem in Kinds Besitz verbliebenen Textbuch beruhen, welches sich unter der Hand des Librettisten kontinuierlich veränderte bis zu der Textfassung, wie sie sich in den Druckausgaben niederschlägt [vgl. dazu auch die Textentwicklung von D-tx1 bis D+-tx3 unter Textentwicklung in den Kindschen Druckausgaben].

Beispiele KA-tx4 und alle anderen Quellen K-tx6, K-tx7 sowie Druckausgaben von Kind
Nr. 1 Introduktion 2. Strophe im Lied von Kilian „Stern und Straus hab’ ich vor’m Leibe“ „Stern und Straus trag’ ich vor’m Leibe“
Dialog I/2 „meinen Jägerpurschen“ „meinen Purschen“
„in jenen Zeiten“ „in alten Zeiten“
Dialog I/5 „Das will ich dir lernen.“ „Das will ich Dich lehren.“
Nr. 10 Finale „Caspar. Nicht? So bleib […] zu thun, Hexenmeister?“ fehlt (in K-tx6 nachträglich ergänzt)
Dialog III/3 „Brautthränen und Frühregen währen nicht lange, sagt das Sprichwort.“ „Brautthränen und Frühregen, sagt das Sprichwort [in D+-tx3 Sprüchwort], währen nicht lange.“
Nr. 16 Finale „mit einem finstern Blick“ „mit finsterm Blick“

Da einige der Abweichungen von K-tx6 und K-tx7 sowie den Kindschen Druckausgaben gegenüber Webers Handexemplar auch im Erstdruck der Gesangstexte zur UA (ED-tx) wiederzufinden sind, kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass ED-tx u. a. auf der Berliner Textbuch-Kopie (K-tx6) beruht (vgl. Tabelle 2). Das bedeutet, dass die Überlieferung dieser kleinen abweichenden Details von den Anfängen der Werkentstehung 1817 bis zur UA 1821 nur über das Bindeglied des verschollenen Kindschen Manuskripts [K-tx5] und dem von diesem abhängigen ersten Berliner Textbuch (K-tx6) zu erklären ist.

Beispiel KA-tx4 und alle anderen Quellen K-tx6, K-tx7 sowie ED-tx und Druckausgaben von Kind
Nr. 2 Terzett mit Chor Max. Nimmer trüg’ ich den Verlust fehlt
Nr. 9 Terzett „der, der Gott versucht“ „der, wer Gott versucht“ (auch in L-tx2)
Nr. 10 Finale „Ja – furchtbar gähnt“ Ha – furchtbar gähnt“
Nr. 15 Jägerchor „Was glich wohl auf Erden“ „Was gleicht wohl auf Erden“
Nr. 16 Finale „die eigne Braut!“ „die Braut!“
„war immer treu und gut!“ „war immer brav und gut!“
„Heil unserm Fürst!“ „Heil unserm Herrn!“

4.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Webers Handexemplar und den Druckausgaben von Friedrich Kind

Beispiele KA-tx4 D-tx1 bis D+-tx3
Eremiten-Szenen wieder aufgenommen
Dialog I/2 bzw. 4
Nr. 2 Terzett mit Chor Kuno,
 /.faßt Max bei der Hand./ Mein Sohn! nur Muth!
 Wer Gott vertraut, baut gut! übernommen
Dialog I/5 bzw. 7 Caspar Das würde sich das Wachspüppchen das mich um deinetwillen verwarf, schwerlich einbilden. für sich. Es soll gerochen werden!! übernommen
Nr. 6 Duett Agathe.
 Wer bezwingt des Busens Schlagen?
 Wer der Liebe süßen Schmerz?
 Stets um dich Geliebter zagen
 Muß dieß ahnungsvolle Herz. Agathe.
 Wer bezwingt des Busens Schlagen?
 Wer der Liebe süßen Schmerz?
 Annchen. Die bezwingen Lust und Scherz! Agathe.
 Stets um den Geliebten zagen
 Muß dieß ahnungsvolle Herz!
Nr. 10 Finale - Geisterchor leicht modifiziert
Melodram übernommen
„reicht ihm die Jagdflasche, die Max verweigert.“ „wirft ihm die Jagdflasche zu, die Max weglegt.“ (Korrektur Webers rückgängig gemacht)
Nr. 12 Cavatine Streichung der 3. Strophe übernommen
Nr. 14 Volkslied Korrekturen Webers übernommen
Dialog III/5 Ein Todtenkranz! Eine Todtenkrone!
Nr. 15 Jägerchor 2. Strophe übernommen
Nr. 16 Finale Eremitentext zehn Zeilen gestrichen Nur vier Zeilen gekürzt

4.3 Einordnung und Auswertung der Detmolder Textbuch-Kopie

Bei der Textuch-Edition von 2007 lag eine Libretto-Quelle noch nicht vor, die hier näher betrachtet werden soll. Es handelt sich um eine handschriftliche Textbuch-Kopie, die heute in der Lippischen Landesbibliothek in Detmold liegt (Sign.: Mus-n 245, Stempel der Landesbibliothek Detmold auf fol. 2r). Bisher wurde vermutet, dass dieses Textbuch in Zusammenhang mit der ebenfalls in Detmold überlieferten Partitur-Kopie (K-pt15) steht. Hierhin gelangte die für die EA in Bremen am 26. September 1822 bestimmte Partitur über den Theaterunternehmer August Pichler, der 1825 die Direktion des Hoftheaters Detmold übernahm.
Das Textbuch scheint jedoch eine vielschichtigere Provenienz aufzuweisen.
Das erste Rätsel rankt sich um seine Entstehung. Aufgeschrieben wurde es von zwei Personen, zum einen, Friedrich Langer, der als Besitzer auf dem Deckblatt angegeben ist und von dem der Beginn des Manuskriptes bis fol. 12r stammt, zum anderen, Hugo Langer, der die Abschrift (12v bis Bl. 73r) weiterführte und von dem auf fol. 73r der Datierungvermerk „Geyer den 1sten August 1823 Scripsit Hugo Langer“ stammt.
Inhaltlich basiert die Textbuch-Kopie auf Friedrich Kinds 2. Ausgabe des Textbuches bei Göschen/Leipzig 1822, was das Vorhandensein der eröffnenden Eremitenszenen sowie die getreue Übernahme der in dieser Ausgabe angebrachten Fußnoten beweist. Allerdings muss das Textbuch trotzdem für eine musikalische Aufführung gedacht gewesen sein, was wiederum die markante Eintragung „Anfang […] Musik.“ vor Beginn der 3. Szene (der eigentlich 1. Szene der Oper) sowie die zahlreichen Striche bzw. die sich auf musikalische Nummern beziehenden Bemerkungen in Blei-/Blaustift und Rötel nahelegen.
Ob und für welche der frühen Aufführungen des „Freischütz“ das Textbuch herangezogen wurde, kann momentan aufgrund der wenigen Einträge nicht rekonstruiert werden.
Weitere Anhaltspunkte zur Provenienz liefern die Personaleintragungen im Personenverzeichnis sowie ein weiterer vorhandener Theaterstempel „DIRECTION DES II. THEATERS IN DRESDEN“ (fol. 2r und 72v), wobei diese allerdings mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben. Bei dem II. Dresdner Theater handelt es sich um das von Joseph Ferdinand Müller, genannt Nesmüller, 1856 im Großen Garten errichtete Sommertheater, dessen Aufführungen zwar eher volkstümlichen Charakter hatten, aber trotzdem eine nicht zu unterschätzende Konkurrenz für die Kgl. Bühnen darstellten. Die meisten der dort gespielten Volksstücke stammten von Nesmüller selbst, u.a. „Die Soldatenfamilie“, „Die Frau Tante“ oder „die Zillerthaler“. 1881 musste das Theater aufgrund finanzieller Schwierigkeiten schließen (vgl. Das alte Dresden, Bilder und Dokumente aus zwei Jahrhunderten, hrg. von Erich Haenel und Eugen Kalkschmidt, Reprint der Ausgabe von 1934, F./M. 1977). Nur zwei der Personaleintragungen konnten bisher eindeutig zugeordnet werden, und zwar die zur Rolle des Ottokar gehörige „Boxberg“ und die zum Max „Pechtel“. Erstere gehört dem Schauspieler und Regisseur Eugen von Boxberg, der lt. Bühnen-Almanach erstmalig 1862 in Greiz nachweisbar ist, und dann an etlichen (Bühnen)-Orten, u.a. in Hof, Bayreuth, Annaberg, Pirna, Großenhain und Grimma wirkte und Väter- und Repräsentationsrollen ausfüllte. Theodor Pechtels Karriere wiederum startete nachweislich 1863 in Döbeln und führte ihn u.a. über Hischberg, Flensburg, Hamburg bis nach Milwaukee und Chicago. Nur ein Jahr, 1869, spielte Pechtel am II. Dresdner Theater. Da Boxberg für das Dresdner Theater überhaupt nicht nachgewiesen werden kann, scheint sich eine direkte Verbindung zwischen den beiden Personen kaum herstellen zu lassen und bleibt es äußerst rätselhaft, wieso sich beide Namen in einer Besetzungsliste finden. Immerhin (so viel ist sicher) kreuzten sich die Wege zischen Boxberg und Nesmüller, dem Dresdner Theaterdirektor, allerdings ein Jahrzehnt zu spät, um in Zusammenhang mit Pechtel gebracht werden zu können. Lt. Bühnen-Almanach 1878/79 gastierte Nesmüllers Ensemble bei der Theatergesellschaft in Grossenhain, Pirna und Oschatz, der in dieser Zeit Boxberg vorstand. 1878 lässt sich auch ein dritter Name der Liste „Rothe“, der sowohl Cuno als auch Samiel zugewiesen ist, für die II. Dresdner Bühne nachweisen. Immerhin lässt sich dadurch vermuten, dass das Textbuch evtl. auf diesem Wege in die Hände von Nesmüller und somit in den Bestand des II. Dresdner Theaters gelangte. Wie es von dort (ggf. wieder?) nach Detmold kam, bleibt bisher unaufgeklärt.
Aufschlussreich sind ebenfalls die aufführungspraktischen Eintragungen im Textbuch. Diese (entweder in verschiedenen Phasen bzw. von verschiedenen Händen) ausgeführten Eingriffe beinhalten zahlreiche Kürzungen des Dialogtextes und der Szenenanweisungen sowie vor allem starke Veränderungen der musikalischen Nummern (z. B. Kürzung in Nr. 1, Streichung Böhmischer Walzer und Max-Arie Nr. 3, Kürzung Nr. 2 /nachträglich rückgängig gemacht; Streichung 1. Strophe Trinklied/ 3. Strophe Zensurvariante nachträglich eingetragen; Streichung von Maxens Arie in Nr. 10 Finale II. Akt sowie weitere Kürzungen im nachfolgenden Dialog und Streichung des furchtbaren Gesangs; Streichung von 3. und 4. Strophe vom Jungfernkranz Nr. 14; Streichung 2. Strophe Jägerchor Nr. 15; mehrere Streichungen im Finale III. Akt).
Inwieweit das Detmolder (Dresdner) Textbuch mit der Partiturkopie Bremen (heute Detmold = K-pt 15 und teils doppelt überlieferten Materialien, die möglicherweise auf zwei Bestände zurückgehen) zusammenhängt, muss noch näher untersucht werden; die Anmerkung zur Veränderung der Aktstruktur - Wolfsschlucht als Beginn Akt 3 - korrespondiert mit einem Teil des Detmolder Materials; die Textabweichung in der 2. Strophe in Caspars Trinklied Nr. 4 zeigt aber einen bedeutsamen Unterschied der beiden Materialien (vgl. dazu nächstes Kapitel).

4.4 Textentwicklung und Abhängigkeiten hinsichtlich des unterlegten Textes innerhalb der musikalischen Quellen (Bsp. 2. Strophe Trinklied)

Die Tradierung der Gesangstexte durch die überlieferten Partitur-Kopien ist im Gegensatz zur Textüberlieferung in den Textbuch-Quellen sehr konstant. Es lassen sich kaum prägnante Unterschiede ausmachen.
Eine markante und etwas rätselhafte Abweichung findet sich allerdings in Nr. 4, dem Trinklied Caspars in der 2. Strophe.
In drei der überlieferten Partituren (K-pt13 Weimar, K-pt15 Bremen und K-pt20 Neustrelitz) findet sich bei dieser Nummer ein anderer Text, eine Abweichung von zwei Zeilen gegenüber den anderen musikalischen Quellen. Anstelle von „Kartenspiel und Würfellust | Und ein Kind mit runder Brust“ steht „Würfellust und Kartenspiel | Und ein Kind das uns gefiel“. Innerhalb der Textbuch-Quellen ist diese Textveränderung einzig im Handexemplar Webers überliefert, dort durch die nachträgliche Korrektur von Kopist 2 umgesetzt. Wann genau Kopist 2 die Korrektur vornahm, ist unsicher, allerdings ist zu vermuten, dass ein zeitlicher Zusammenhang zwischen seiner Eintragung und dem veränderten Text in den Partituren besteht. Die drei Partitur-Kopien, die den Text in der neuen Version überliefern, lassen sich durch Vermerke Webers im Tagebuch genau einordnen (Weimar Abrechnung am 22. März 1822, Bremen am 27. März 1822, Neustrelitz Bezahlung am 16. Juni 1822). Weiterhin aufschlussreich ist die Tatsache, dass bereits in der am 27. Dezember 1821 bezahlten Partitur-Kopie Stuttgart (KA-pt26) die Textstelle vom Kopisten freigelassen wurde und Weber hier den Text der 2. Strophe selbst nachtrug, allerdings – und das ist das Interessante daran – in der ursprünglichen Version. Das könnte bedeuten, dass Weber im Dezember 1821 überlegte, den Text an dieser Stelle zu ändern (vielleicht auch auf Anregung von außen), sich dann aber wieder für die alte Version entschied, in den folgenden Partitur-Abschriften (überliefert durch die drei genannten Exemplare) dann im Gegensatz dazu die neue Textvariante favorisierte. Es ist sicher davon auszugehen, dass dieser Text in den Aufführungen von Weimar (EA 4. Mai 1822), Bremen (EA 26. September 1822) und Neustrelitz (EA 12. August 1822 und vielleicht sogar noch in weiteren Aufführungen aus dieser Zeit, wovon leider keine Zeugen erhalten geblieben sind) gesungen wurde, tradiert hat er sich darüber hinaus aber nicht. Er findet sich weder in den Klavierauszügen noch in den gedruckten Partituren der Oper. Nachweisen ließ er sich nur noch für zwei Textquellen: die um 1900 erfolgte 2. Aufl. des Librettos bei Reclam Leipzig und die Wedekind-Ausgabe, Berlin 1925. Aus diesen Ausgaben konnten leider keine weiteren Erkenntnisse über die der Edition zugrundeliegenden Materialien gewonnen werden.

4.5 Auswertung der Szenenanweisungen am Ende der Textbuch-Kopie Hamburg (KA-tx21)

Die Hamburger Textbuch-Kopie bildete die Grundlage für die EA in Hamburg am 5. Februar 1822.
Im Gegensatz zu den beiden frühen Textbüchern für Berlin und Gotha repräsentiert die Hamburger Textbuch-Kopie die Fassung des Textes nach der UA (Oktober 1821) einschließlich sämtlicher bis dahin vorgenommenen Eingriffe ins Werk, wie z. B. der gekürzten Eremiten-Passage im Finale des III. Aufzuges; vgl. auch Quellenbeschreibung.
Aufführungsgeschichtlich interessant sind die seitenlangen Regie- bzw. Szenenanweisungen, die sich am Ende der Textbuch-Kopie befinden (fol. 58v–70v). Diese Aufführungsmaterialien liegen nun innerhalb der Freischütz Digital“-Edition erstmalig in einer diplomatischen Textübertragung mit gegenübergestelltem Faksimile vor. Ihre inhaltliche Auswertung erbrachte folgende Erkenntnisse:
Es handelt es sich um die dreimalige Niederschrift von Szenen- und Regieanweisungen verschiedener Schreiber, jeweils aktweise geordnet und bezogen auf die Seitenzahlen des Textbuches, ergänzt durch das jeweils agierende Personal des Hamburger Theaters sowie spezielle Anweisungen für die Wolfsschluchtszene.
Die erste (fol. 58v–60r) und die dritte aktweise Niederschrift (fol. 67r–70r) stammen zwar von verschiedenen Schreibern, die nicht bekannt sind, stehen aber in Zusammenhang. Bei der wiederholten Abschrift ab fol. 67r, die auf der ersten Niederschrift beruht, wurden die beim ersten Mal vorgenommenen Ergänzungen der Personalangaben überwiegend regulär in den Text aufgenommen bzw. um weitere wesentliche Angaben gegenüber der ersten Niederschrift ergänzt; vgl. v. a. Wolfsschluchtszene und III. Akt. Außerdem wurden noch zusätzliche Ergänzungen in Bleistift (evtl. von einer weiteren Hand) vorgenommen.
Die zweite aktweise Niederschrift (fol. 63r–66r) sowie die Anweisungen für die Wolfsschlucht (fol. 61r–62r) stammen von einer weiteren Hand, höchstwahrscheinlich von Friedrich Ludwig Schmidt, dem Hamburger Schauspieldirektor.

Die Anhangsniederschriften sind insgesamt nicht datiert worden, was ihre exakte zeitliche Einordnung auf den ersten Blick schwierig macht. Durch den Abgleich der innerhalb der Szenenanweisungen ergänzten Personaleintragungen mit überlieferten Hamburger Adressbüchern (vgl. Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg http://www.sub.uni-hamburg.de oder URL: http://agora.sub.uni-hamburg.de/subhh-adress/digbib/start) lässt sich allerdings mutmaßen, dass die Aufzeichnungen verschiedenen Aufführungsperioden angehören, wobei sich diese auch näher eingrenzen lassen (die Adressbücher eines Jahrgangs beziehen sich auf die im Vorjahr begonnene Saison):

Erste Szenenanweisungen:

Die eigentliche Niederschrift ist schwer datierbar, da sie keine Personalangaben enthält. Die nachträglichen Eintragungen von Personen in dickerer Tinte vom gleichen Schreiber gehören jedoch vermutlich erst zu den Aufführungen ab 1827/1828, da der Maschinen- bzw. Theatermeister Hü(h)nerjäger erstmalig ab 1828 in den Adressbüchern auftaucht.

Wolfsschluchtszene und Zweite Szenenanweisungen:

Die höchstwahrscheinlich von Friedrich Ludwig Schmidt angefertigten Notizen gehören relativ eindeutig zur EA Hamburg 5. Februar 1822, da die Herren Brämer, Petersen und Schäfer nur 1821/1822 (Brämer auch 1822/1823 noch) zum Personal gehörten; danach fehlen sie in den Adressbüchern. Vermutlich wurden diese Blätter nachträglich versehentlich zwischen die beiden anderen Niederschriften, die zeitlich zusammengehören, geheftet.

Dritte Szenenanweisungen:

Diese Niederschrift ist vermutlich ebenso wie die erste in die Saison 1827/1828 einzuordnen (durchgestrichener Herr Kleinschmidt nur bis 1828 im Adressbuch; Brautjungfern Dlle. Regler d. J. nur Saison 1827/1828; Dlle. Gröger ab Saison 1828/1829 da). Die Korrekturen stammen aber teilweise erst von ca. 1836 (Korrekturen bei den Brautjungfern: Dlle. Pleß erst ab Herbst 1834, Dlle. Teubner erst Herbst 1836).

Worin liegt nun die Bedeutung dieser Niederschriften? Bei den drei verschiedenen aktweisen Niederschriften handelt es sich um stichpunktartige Angaben zu Personenregie, Requisiten, Handlungsfolgen etc. Szene für Szene finden sich konkrete, auf die im Textbuch enthaltenen Szenenanweisungen bezogene Anweisungen für das Theaterpersonal, des Weiteren bekommt man einen Eindruck, wie Personalaufwendig die Inszenierungen des Freischütz zum Teil waren, u.a. auch an der genauen Auflistung der für die Aufführung benötigten Statisten, die reduziert werden können, indem sich z. B. vier der sechs „Bergmusikanten“ aus dem I. Akt zu „Jagdkavalieren“ für den III. Akt verwandeln (fol. 60v). Die Anordnungen für die Wolfsschlucht „Wie die Besorgungen in der Wolfsschlucht folgen.“(fol. 61r–62r) sind ein beispielhaftes und aufschlussreiches Zeugnis, wie die von Weber und Kind ersonnene zentrale Wolfsschluchtszene (Szene II/4–6) an einer zeitgenössischen Bühne so umgesetzt und ausgestattet wurde, dass es den Theaterbesuchern möglichst „gruselte“. Präzise werden die Aufgaben für das konkrete Personal aufgelistet, wer welche Aktionen mit welchen Requisiten durchzuführen hat, z.B. dass Herr Brämer für das Schlagen der Glocke zuständig war und die Bewegungen der durch Herrn Hollmann d.j. gesteuerten Eule mit den Aktionen des Herrn Woltereck, dem Sänger des Caspar, einhergehen sollten (fol. 61r). „Wenn Caspar das Feuer anbläßt, wedelt die Eule auf dem Zweige mit den Flügeln; auch wendet sie mehrmals den Kopf nach Caspar, wenn dieser sich nach hinten wendet“ heißt es in den dazugehörigen Szenenanweisungen (fol. 64r). Anhand von Korrekturen kann man erkennen, dass sich die ursprüngliche „Höhle“ in eine „Maschine“ verwandelte, die sich öffnet und verschwindet, oder dass die „Wagen“ zu „Irrlichtern“ korrigiert wurden. Des Weiteren wurden die Bühnenaktivitäten nach den einzelnen Echos während des Kugelgießens genau festgelegt, wie z. B. „Donner und Blitz | Sturm“ „Tannen brechen“, „Peitschenknall, Geratter“, „Knallerbsen“ sowie der Einsatz verschiedenster Tiere (Eidechse, Schlange, Bär etc.) Dass sich die Effekte auch hier von Echo "Eins" bis "Sieben" steigerten, zeigt sich deutlich, da aus dem anfänglich „matten Sturm […] stärkster Sturm mit allem Donner und Blitz und Einschlag“ erwächst, ausführlich in den Szenenanweisungen (fol. 65r): „Zugleich Regen, anhaltende Blitze, alle Donnermaschinen wie gegeneinander kämpfende Gewitter – Einschlag. Zwey Felsenstücke stürzen hinten herab Irrlichter tanzen dazwischen Wettergeläut in der Ferne. der Sturm tobt stets.“ Diese Anweisung gibt auch Weber in seinen „Bemerkungen die Szenischen Anordnungen des Freyschützen betreffend.“ (entstanden für die Aufführung in München 15. April 1822); vgl. Veröffentlichung in Freischütz-Edition 2007, S. 244ff. und http://weber-gesamtausgabe.de/A031689). Da Friedrich Ludwig Schmidt die Berliner Aufführung nachweisbar selbst besucht hat [vgl. Denkwürdigkeiten des Schauspielers, Schauspieldichters und Schauspieldirektors Friedrich Ludwig Schmidt (1772–1841), nach hinterlassenen Entwürfen zusammengestellt und herausgegeben von Hermann Uhde, Stuttgart 1878, Bd. 2, S. 169], konnte er sich einen genauen Eindruck verschaffen, wie die szenische Gestaltung (insbesondere die der Wolfsschluchtszene) Webers Vorstellungen gemäß umgesetzt werden müsse. Der „Freischütz“ war in Hamburg ebenso erfolgreich wie in Berlin und andernorts, wie Schmidt weiter resümiert (ebd., S. 193): „Zum heiligen Dreikönigstage [1823] gaben wir im neuen Jahre den „Freischütz“zum ersten Male; seit dem 5. Februar 1822 war er heute binnen elf Monaten zum acht und zwanzigsten Male, durchschnittlich also alle zwölf Tage, und mit immer steigendem Beifall aufgeführt. Die Netto-Einnahme bei dieser Oper belief sich im ersten Jahre ihres Erscheinens in Hamburg auf 26,281 Mark 3 Schilling; die Durchschnitts-Einnahme bei jeder Vorstellung hatte daher netto 938 Mark betragen; aus dem Verkauf von 1766 Textbüchern (jedes zu sechs Schilling) hatten wir noch extra 661 Mark 14 Schilling gelöst.“

4.6 Textentwicklung in den Kindschen Druckausgaben und deren Bedeutung in Bezug auf die Überlieferung des Textes in den musikalischen Quellen (einschl. Auswertung der rezeptionsgeschichtlich wichtigsten Partituren und Textbücher bis zum Anfang des 20. Jh.)

Aufschlussreich im Hinblick auf die Textgenese sind die von Friedrich Kind herausgegebenen Druckausgaben des Librettos. Diese Ausgaben, angefangen von der ersten Ende 1821/Anfang 1822 bis zur letzten 1843, zeigen auf anschauliche Weise die weitere Arbeit des Librettisten am Text, der unter seiner, dem erfolgreichen Freischütz-Komponisten untergeordneten Stellung litt und sich durch Revision einstiger gemeinsamer Entscheidungen, wie z.B. die Streichung der ursprünglich geplanten Anfangsszenen der Oper, bewusst von Weber absetzen wollte. Weber hatte sich durch den Kauf des Librettos im März 1817 auf fünf Jahre die Eigentumsrechte am Buch gesichert, so dass Kind den Text erst 1822 selbst veröffentlichen konnte. Friedrich Kind nahm innerhalb dieser verschiedenen Ausgaben (scheinbar willkürlich) zahlreiche Änderungen in Abgrenzung zu seinem eigenen Manuskript und gegenüber dem Text im Handexemplar vor. Zudem unterscheiden sich die Ausgaben auch untereinander beträchtlich. Interessant ist dabei allerdings, dass Weber die in der ersten Kindschen Ausgabe vorgenommenen Änderungen offenbar tolerierte, da er ab Jahreswechsel 1821/22 anstelle der bis dahin gefertigten Kopistenabschriften die preiswerteren gedruckten Bücher an die Theater verschickte. Innerhalb der Rezeption des Freischütz-Librettos bzw. der Tradierung des Textes in den zeitgenössischen sowie nachfolgenden Aufführungen der Oper sind die frühen, bis zum Tode Webers veröffentlichten Kindschen Druckausgaben somit von erheblicher Bedeutung, eine Untersuchung der aufführungspraktischen Relevanz dieser Textbücher im Detail steht allerdings bis heute noch aus. 9 Nachfolgend sind die hier beschriebenen Zusammenhänge bzw. Abhängigkeiten der Quellen innerhalb des Textgenese-Prozesses noch einmal in tabellarischer Form verdeutlicht.
Zu den gravierendsten Veränderungen der Kindschen Druckausgaben gegenüber Webers Handexemplar zählen neben der Wiederaufnahme der einleitenden Eremitenszenen, die Kürzung der Eremitenpassage um vier Zeilen im Finale des III. Akts (im Gegensatz zu der von Weber freigegebenen Kürzung von zehn Zeilen) und die Weglassung der Ännchen-Arie Nr. 13 in den beiden späten Ausgaben (Theaterschriften 1827 und Ausgabe letzter Hand 1843). Es kann wohl kein Zufall sein, dass Kind die Streichung von Nr. 13 erst nach Webers Tod veranlasste. Obwohl die Entstehung der Arie speziell der UA geschuldet ist, hatte sie sich als fester Bestandteil des Werkes etabliert.

1. Aufl. 1821/22 2. Aufl. 1822 3. Aufl. 1823 Theaterschriften 1827 Ausgabe letzter Hand
einleitende Eremitenszenen + + + 
(mit Fußnote im Text) + (mit Kommentar im Nachwort) + (mit Kommentar im Nachwort)
Romanze des Cuno - - - + (im Nachwort) -
Ännchen-Arie + + + - -
Kürzung der Eremitenpassage um vier Zeilen (Finale III. Akt) + 
(mit Kennzeichnung der übrigen sechs Zeilen) + 
(mit Kennzeichnung der übrigen sechs Zeilen) + (ohne Kennzeichnung) + (ohne Kennzeichnung) + (ohne Kennzeichnung)


Footnotes

1. Friedrich Kind/Carl Maria von Weber, Der Freischütz. Kritische Textbuch-Edition von Solveig Schreiter, München 2007

2. Johannes Kepper, Solveig Schreiter, Joachim Veit, Freischütz analog oder digital – Editionsformen im Spannungsfeld von Wissenschaft und Praxis, in: editio 28 (2014), S. 127–150; Solveig Schreiter: Zur Quellensituation des Freischütz-Librettos, in: Perspektiven der Edition musikdramatischer Texte. Tagung an der Universität Bayreuth, 22.–24. November 2012. Tagungsbericht (in Vorbereitung)

3. Codierungsrichtlinien Textedition

4. Genannt seien an dieser Stelle lediglich zwei grundlegende Veröffentlichungen: Almuth Grésillon, Literarische Handschriften. Einführung in die „critique génétique“, Bern u.a. 1999 und der Sammelband Textgenetische Edition, hg. v. Hans Zeller und Gunter Martens, Beihefte zu editio, Bd. 10 (1998)

5. Herrmann Abert, Carl Maria von Weber und sein Freischütz, zitiert nach: Der Freischütz. Texte, Materialien, Kommentare, S. 170

6. Susanne Balhar: Das Schicksaldrama im 19. Jahrhundert. Variationen eines romantischen Modells, Frankfurt 2004, S. 48f.

7. Vgl. dazu auch Kathrin Wulfhorst: Intertextuelle Bezüge in den Freischütz-Texten von Johann Apel und Friedrich Kind, in: Weberiana 19 (2009), S. 101-124

8. Vgl. dazu auch Kathrin Wulfhorst: Intertextuelle Bezüge in den Freischütz-Texten von Johann Apel und Friedrich Kind, in: Weberiana 19 (2009), S. 103-104 und Schreiter: Der Freischütz, S. 103ff.

9. Solveig Schreiter und Joachim Veit, Zu Quellensituation und Referenzen des Freischütz-Librettos, in Aufsatzband Bayreuth, in Vorbereitung